Arbeiten und Leben in der Pandemie

Arbeiten und Leben in der Pandemie

Ein Debattenbeitrag aus der 24plusPunkte 2/2020

Wann werden wir endlich wieder wie früher arbeiten? Diese Frage haben Sie sicher schon oft gehört, von Kunden, Kollegen, Mitarbeitenden. Die Erwartungshaltung ist klar, alle hoffen auf eine motivierende Antwort. Dabei ist die einzig ehrliche Antwort: Vergesst es. Wir werden nie mehr so arbeiten wie früher. Nicht in der Spedition und auch nicht anderswo.

Das klingt nach einer steilen These, die sich aber schlüssig begründen lässt. Der Lockdown als Schutzmaßnahme vor COVID-19 hat Lieferketten und Workflows zerschlagen. Aber fast ebenso schnell, wie Abholaufträge ausblieben oder Lkw-Fahrer an geschlossenen Grenzen und Warenannahmen strandeten, entstanden neue Aufgaben und neue Wege, den Anforderungen zu entsprechen.

Krise macht agil

Wir werden allein schon deshalb nicht mehr so arbeiten wie früher, weil wir uns innerhalb kürzester Zeit daran gewöhnt haben, ganz anders zu arbeiten. Die Angleichung von Hallenlayouts an eine andere Sendungsstruktur, neue Arbeitsmodelle, neue Prozesse bei Abholung, Zustellung und Umschlag, neue Formen der Kommunikation, ja selbst eine eher simple Übung wie die Einführung von Hygieneregeln – all dies hätte in normalen Zeiten in einer Spedition monatelanger Vorarbeit bedurft. In der Coronavirus-Krise aber waren diese und viele andere Dinge binnen Wochen, Tagen oder gar Stunden umgesetzt. Das bedeutet nicht, dass die in der Krise entwickelten Alternativen ideal wären. In der Regel sind sie sogar weit entfernt von Perfektion. Aber darauf kommt es nicht an. Die Lösungen sind da und sie funktionieren.

Eine Lehre, die wir aus der Krise ziehen können: Es ist normal, dass nichts mehr normal ist. Das schadet nicht, solange wir schnell genug reagieren. Mehr als jedes aufgesetzte Programm hat die Krise uns Speditionen agil gemacht. Das gilt nicht nur für uns. In der gesamten Wirtschaft wirkte COVID-19 wie ein Zeitraffer.

Es ist normal, dass nichts mehr normal ist

Wir sind aber nicht nur schneller geworden, wir haben auch gelernt, was alles verzichtbar ist – im Innenleben der Büros und der Umschlaghallen, bei Produkten und Prozessen. Die Krise offenbart jedoch nicht nur, was uns ineffizient gemacht hat, wir reagieren darauf und orientieren uns wieder mehr an Leistung und Ergebnissen als an Regeln und Ritualen.

Es stimmt, der Ausnahmezustand ist kräftezehrend. Aber jede Spedition, jedes Wirtschaftsunternehmen ist gut beraten, jetzt nicht die Rückkehr zur alten Normalität mit ihren alten Regeln zu organisieren, sondern das herauszuarbeiten, was wir aus der Corona-Zeit lernen können. Was war und ist das Beste in der Zeit vor und während Corona, bei Organisation, Workflow, Kommunikation, Partnerschaft, Effizienz, Personal, Produkten, dem Umgang untereinander? Was davon wollen wir beibehalten? Der beste Zeitpunkt, um diese Fragen zu beantworten, ist jetzt, solange die Erinnerungen an den Lockdown frisch sind. Wenn wir die richtigen Antworten finden, wird in der Wirtschaft alles flexibler, intelligenter, fantasievoller sein als je zuvor.

COVID-19 wirkt wie ein Brennglas

Diese Qualitäten werden wir dringend brauchen. Denn es ist völlig offen, ob es jemals einen wirksamen Impfstoff gibt, der dieser Pandemie ein Ende setzen kann. Wir werden noch lange mit dem Corona-Virus leben müssen und – weiter gedacht – mit anderen Viren, die den Artensprung vom Tier auf den Menschen schaffen, mit den Folgen des Klimawandels, mit dem demografischen Wandel, mit Migration, mit der Veränderung der Arbeitswelt durch künstliche Intelligenz. Wir alle werden unser Leben und unsere wirtschaftlichen Aktivitäten neu organisieren müssen.

COVID-19 wirkt wie ein Brennglas und bündelt den Blick auf Missstände. Die Pandemie hat gezeigt, dass bisherige Wirtschaftsmodelle wie die Lieferkettenoptimierung durch Produktionsverlagerung in Billiglohnländer zumindest bei systemrelevanten Produkten nicht mehr funktionieren. Oder dass der Import von Billigarbeitskräften, etwa in der Fleischindustrie, eine Fehlentwicklung war. Wir brauchen intelligentere Ansätze als Billiglöhne und Ausbeutungssysteme. COVID-19 hat aber auch den Staat wachgerüttelt, der in der Krise nicht nur Werkverträge in Fleischfabriken reguliert, sondern in Windeseile milliardenschwere Hilfspakete geschnürt hat. Diese Pakete sind ebenso weit entfernt von der Perfektion wie die Prozesse, die unsere Speditionen als Corona-Sofortmaßnahmen eingeführt haben. Aber auch hier geht es nicht um Perfektion, sondern um mutiges Vorangehen. Und ganz nebenbei: Die Qualität von Regierungen lässt sich nicht nur an der Größe der Hilfspakete, sondern auch an den Infiziertenzahlen prima ablesen. Verglichen mit Staaten, an deren Spitze Populisten stehen, schneiden pluralistische Demokratien dabei gar nicht schlecht ab.

Dass wir nie mehr so wie früher arbeiten werden, ist also keine ernüchternde Botschaft. Im Gegenteil: Wir werden besser arbeiten als je zuvor. Das müssen wir auch, denn die nächste Krise kommt bestimmt.

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